Der Teufelskreis der Empfehlung

Wenn Empfehlungen automatisiert werden, was passiert dann mit unserem Geschmack?

Ich bin ja selbst in dem Business mit automatisierten Empfehlungen unterwegs. Sei es nun bei meinem alten Projekt, wo es um die lokale Suche und Empfehlungen und Bewertungen von kleinen Läden, Restaurants, Ärzten usw. ging, oder bei meiner neuen Stelle, wo ich mich auch mit der Cloud basierten Suche im Bereich HR beschäftige. Ich finde die Möglichkeiten, die sich da ergeben auch toll. Noch nie war es so einfach, sich zuverlässig eine gute Empfehlung in einer neuen Stadt einzuholen, in einem Reiseziel, bei einem Arbeitseinsatz im Ausland. Ich suche ein gutes Restaurant, ich gucke bei quicker.com oder qype.com und gehe dann zu dem Restaurant, welches die besten Bewertungen hat. Im Zweifelsfall war noch ein facebook-Freund von mir dort und hat dadurch eine „persönliche“ Empfehlung hinterlassen. Klingt alles super, und es wird mir auch schmecken. Ich hinterlasse wahrscheinlich auch meine Empfehlung auf einem dieser Bewertungsportale. Aber welchen Effekt hat das?

Hat das nicht den gleichen Effekt wie eine Schlange vor einem Laden? Oder das vollbesetzte Restaurant im Gegensatz zum leeren daneben? Warum bin ich nicht gewillt genau das auszuprobieren, was noch nicht bewertet wurde, oder wo eben keiner sitzt? Die Schlangen vor dem Hollister Laden hier in Frankfurt z.B. sind das beste Beispiel. Die Klamotten sind nicht der Überhammer, der Laden ist echt grauselig, aber weil Leute davor in einer Schlange stehen, wollen noch mehr rein. Was hat das nun mit den Empfehlungen im Netz zu tun?

Die Recommendations könnten ein weiterer Schritt zum Tod des Individualismus sein. Durch die Empfehlungen holt man ein Restaurant oder ein Geschäft aus dem „Long Tail“ und bringt es dem Mainstream näher. Oder den Hauptmeldungen in unserem facebook Profil. Da passiert genau das: Je mehr ein Status geliked und/oder kommentiert wird, desto eher und höher erscheint er in den Hauptmeldungen. Aber ist diese Meldung für mich interessant? Vielleicht verpasse ich dadurch die tatsächlich für mich interessante Info, dass eine alte Bekannte ausnahmsweise mal wieder in der Stadt ist?

So gut die Empfehlungsmaschinen auch werden, so sehr müssen wir versuchen unsere Identität, das was jeden von uns einzigartig macht, zu bewahren und auch die kleinen Meldungen lesen, die kleinen Restaurants ohne Bewertungen ausprobieren. Und dann liked und bewertet sie, auf dass sie aus dem Long Tail in den Mainstream geholt werden und der Teufelskreis von vorne beginnt.

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Eine Antwort zu Der Teufelskreis der Empfehlung

  1. Björn schreibt:

    Netter Post und interessant kritisch. Gefällt mir. Ich denke man muss bei all den ganzen Social Media Diensten die Ergebnisse und Vorschläge kritisch betrachten. Ist wohl der Fluch unserer und ggf. der kommenden Zeit Informationen immer mehr zu filtern und zu hinterfragen. Wie schnell kann ggf. irgendein Meme ruck zuck die eigene Wahrnehmung vernebeln und einen in die Irre führen. Segen und Fluch liegen nah bei einandern. Likes, CheckIns und Bewertungen helfen sich zu orientieren, aber vielleicht ist halt der kleine Laden neben dem Laden mit 1000’nden von Likes ein echtes Kleinod und viel besser. Empfehlungen sollten das eigene Auge und den eigenen Geist nicht überlagern. Daher nicht dumpf der Masse folgen sondern auch mal das Hirn einschalten. 😉

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